Vom Katastrophenmodus der Politik zum risikostratifizierten Handeln

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift ‚erziehungsKUNST‘ Ausgabe Oktober 2020

Prof. Dr. med. Harald Matthes ist Leitender Arzt in der Gastroenterologie, Ă€rztlicher Leiter und GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe, einer Klinik fĂŒr Anthroposophische Medizin in Berlin.

EK: Herr Matthes, wie erlebten Sie das Covid-19-Geschehen im Krankenhaus-Alltag seit Beginn der Pandemie und wie sah die konkrete Situation vor Ort aus?

Harald Matthes: Der Anfang der Coronapandemie war durch grĂ¶ĂŸte Verunsicherung der Bevölkerung, wie auch der Ärzte gekennzeichnet, so dass ein Mangel an Konsultationsmöglichkeiten in der ambulanten Medizin bestand und die Kliniken mit sogenannten Coronaambulanzen einen extremen Zulauf, aber auch Dankbarkeit erfuhren. Zu gleicher Zeit wurden starke Anstrengungen unternommen, die IntensivkapazitĂ€ten zu erhöhen, so dass auch wir bis auf 49 BeatmungsplĂ€tze aufstockten. Diese KapazitĂ€ten wurden glĂŒcklicherweise nie gebraucht. Die intensivpflichtigen Coronapatienten waren jedoch aufgrund schwerer VerlĂ€ufe mit langer kĂŒnstlicher Beatmung, Herz-Kreislaufversagen medizinisch sehr aufwĂ€ndig zu versorgen und erforderten eine hohe Expertise. Im Gegensatz dazu war das ĂŒbrige medizinische Geschehen deutlich heruntergefahren, insbesondere die elektiven Operationen – das sind Operationen, die nicht sofort durchgefĂŒhrt werden mĂŒssen – so dass die KrankenhĂ€user einen eher ruhigen FrĂŒhling und Sommer hatten. Derzeit steigen die stationĂ€ren BehandlungsfĂ€lle mit Coronaerkrankten wieder etwas an.

EK: Welches Motiv hatte die Havelhöhe, eine Corona-Ambulanz einzurichten?

HM: Corona fĂŒhrte in der Öffentlichkeit anfĂ€nglich zu viel Angst. Dieser kann nur durch konkrete Anschauung entgegengetreten werden. Daher haben wir uns als Krankenhaus entschlossen, Covid-19 Schwerpunkthaus in Berlin zu werden, um aus eigener Anschauung urteilen zu können. Ohne reale Anschauung sehen wir derzeit die gesellschaftliche Angst in den Köpfen mit medial gesteuerten Bildern als Kopfkino, ohne jeglichen RealitĂ€tsabgleich. Die Politik handelt abstrakt und im Katastrophenmodus statt risikostratifiziert (1) angemessen zu reagieren. Einer globalen Pandemie wird derzeit sogar mit Kleinstaatendenken zu begegnen versucht und auf Landkreis und Bezirksebene nunmehr ReisebeschrĂ€nkungen verhĂ€ngt.

EK: Können Sie etwas zu Tests und Infektionszahlen sagen? Wie verhÀlt es sich mit der Fehlerrate?

HM: Das Problem der molekularen PCR-Testungen ist nicht die Fehlerrate von ca. 0,4 bis max. 1 % durch Testfehler, auch nicht falsche Abnahmebedingungen, sondern deren Bewertung. Ein positiver PCR Test und deren ct-Wert (cycle threshold) sagt etwas ĂŒber die Viruslast aus, wenig ĂŒber InfektiositĂ€t und gar nichts ĂŒber die klinisch relevante Frage der Erkrankung. Mindestens 80% mit positiven Covid-19 Test haben keine oder nur sehr geringe klinische Symptome. 4-6% in Deutschland erkranken schwerer und nur 0,3-0,8% sterben an einer Covid-19 Erkrankung (Zahlen aus Metaanalysen fĂŒr Deutschland). Es interessieren nicht Infektionszahlen, sondern Erkrankungen und ihre Schwere. Wenn derzeit sehr viel getestet wird, ist entscheidend, wie viele der Getesteten erkrankt oder gar schwer erkrankt sind. 4000 Covid-19 positiv getestete junge Menschen sind kaum ein medizinisches Problem, wĂ€ren diese ĂŒber 75 Jahre alt, wĂ€re das vollstĂ€ndig anders zu bewerten. Das Risiko steigt mit dem Alter und den Risikofaktoren Herzerkrankung, metabolisches Syndrom, Zuckererkrankung und weiteren OrganvorschĂ€digungen sowie Immundefekten oder medikamentöser Immunsuppression. Liegt die MortalitĂ€t bei Kindern nahezu bei 0, so steigt sie mit Alter und Risikofaktoren bis auf 7-8 % bei ĂŒber 75-JĂ€hrigen. Große Unterschiede der MortalitĂ€t in Deutschland zu anderen LĂ€ndern liegen im Gesundheitssystem begrĂŒndet. Deutschland verfĂŒgt ĂŒber weit mehr Intensivbetten als jedes andere Land der Welt und auch die Ausstattung mit modernsten GerĂ€ten ist exzellent. Die höchste Auslastung der Covid-19 Patienten im FrĂŒhjahr lag bei 15 %, so dass eine KapazitĂ€tsauslastung oder gar Überlastung in Deutschland nie ernsthaft bevorstand. Derzeit sind es ca. 500 Covid-19 Patienten auf Intensivstation (10.10.2020) bei 30.255 Intensivbetten mit einer ReservekapazitĂ€t von weiteren 12.156 Betten (entspricht 1,19 % Auslastung).

EK: Wie haben Sie therapiert? Gibt es spezifisch anthroposophische AnsĂ€tze – mit welchem Erfolg?

HM: Es gibt bisher kein spezifisches Covid-19 Medikament aus der konventionellen Medizin. Remdesivir fĂŒhrt in Studien zu keinem signifikant verbesserten Überleben, sondern lediglich zu einer milden Symptomreduktion. Die anfĂ€nglich große Studie vor allem an UniversitĂ€tskliniken mit Hydrochloroquin und Azithromycin erbrachte sogar eine Steigerung der Todesrate. Daher haben anthroposophische Therapiekonzepte mit Steigerung der SelbstheilungskrĂ€fte eine große Bedeutung erfahren. Wichtige anthroposophische Arzneimittel waren dabei das Eisen als Meteoreisen oder als Ferrum metallicum praep., der Phosphor, das Stibium sowie das CardiodoronÂź und PneumodoronÂź, aber auch Bryonia (ZaunrĂŒbe) und Tartarus stibiatus (Brechweinstein). Die Erfolge waren sehr gut, da in Havelhöhe bisher kein Covid-19 Patient verstorben ist, bei einer sonstigen Sterblichkeit von ca. 30% aller Covid-19-Intensivpatienten.

EK: Viele Menschen leben in der Angst vor weiteren Wellen oder einem Dauerzustand. Was ist Ihre Prognose?

HM: Die Nachweiszahlen fĂŒr Covid-19 werden diesen Herbst und Winter erneut stark ansteigen. Dennoch werden wir in Deutschland nicht an die KapazitĂ€tsgrenzen des Gesundheitssystems stoßen, sehr wohl aber an die der GesundheitsĂ€mter und Infektionsnachverfolgung. Entscheidend ist derzeit, dass wir wegkommen von dem Katastrophenmanagement unter Notstandsgesetzgebung (epidemiologische Lage von nationalem Ausmaß), zu einem Risikomanagement. Das bedeutet aber auch, dass nicht nur ein Grenzwert von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner als Risikogrenzwert oder der R-Wert gilt, sondern klinisch relevante Parameter, wie Altersverteilung, Erkrankte und Schwere der Erkrankung, sowie Auslastung der Krankenhaus- und IntensivkapazitĂ€ten. Bei der komplexen Risikobeurteilung sind ein oder zwei Werte, insbesondere wenn sie nicht die RealitĂ€t der Erkrankungen abbilden, kein Wert.

EK: Das gesamte menschliche und gesellschaftliche Leben ist von dieser viralen Bedrohung betroffen. Welche Perspektiven eröffnet ein ganzheitlicher anthropo­sophischer Ansatz und welche innere Haltung nehmen Sie als behandelnder Arzt und Wissenschaftler ein?

HM: Die Covid-19 Infektion ist eine Zoonose, also eine vom Tier auf den Menschen ĂŒbergegangene Infektion. Dies weist auf ökologische SchĂ€den und Reduktion einer DiversitĂ€t in der Natur hin. Massentierhaltung mit hohem Antibiotikaeinsatz und Raubbau an der Natur sind die Ursache der zunehmenden Zoonosen in den letzten Jahrzehnten (Vogelgrippe, MERS, Ebola etc.). Nicht nur der Mensch ist ein umfassendes mehrdimensionales Wesen (Leib, Seele und Geist), sondern auch die Erde. WĂŒrdiger Umgang mit Mensch und Natur ist im tieferen Sinne nur möglich, wenn ein wirkender Geist in Mensch und Natur erlebt und real erfahren wird. Die Anthroposophische Medizin und die biologisch-dynamische Landwirtschaft leben und handeln seit ĂŒber 100 Jahren nach diesem Prinzip. Humanismus, Nachhaltigkeit und Gemeinwohl sind ethische Grundlage seit nunmehr hundert Jahren. Die Chance, nun in Deutschland die Covid-19 bedingten Wirtschaftsinvestitionen von 1,3 Billionen Euro fĂŒr einen ĂŒberfĂ€lligen Umbau der Wirtschaft und Landwirtschaft sowie der Medizin zu nutzen, wird derzeit von der Politik verschlafen.

EK: COViD-19 ist nicht nur eine Belastung fĂŒr den konkret erkrankten Menschen, sondern auch fĂŒr die gesamte Gesellschaft. Was macht den einzelnen Menschen und die Gesellschaft resilient?

HM: 100 Jahre Bazillentheorie und die Dominanz eines pathogenetischen Medizinkonzeptes haben zu der von Rudolf Steiner bereits 1909 vorausgesagten Tyrannei im Sozialen gefĂŒhrt. Der Mensch hat ein Mikrobiom und Virom, das unverzichtbar fĂŒr seine ImmunitĂ€t ist und von der QuantitĂ€t mĂ€chtiger als der Mensch selbst (Mikrobiom 1014 Bakterien mit ca. 1200 Spezies z.B. im Darm bei nur 1012 Körperzellen). Bewusstsein des salutogenen Potentials im Menschen fĂŒhrt aus der Opferrolle gegenĂŒber Bakterien hin zu einem Lebensbewusstsein, das akzeptiert, dass der Mensch in ökologischer Harmonie mit seiner Umwelt und Natur leben muss.

Corona polarisiert derzeit die Gesellschaft im Sozialen. Die »Richtigmacher« stehen den »Leugnern« immer unversöhnlicher gegenĂŒber. Corona attackiert die Mitte des Menschen, Atmung und Herz-Kreislauf. Die soziale Antwort mĂŒssen HerzenskrĂ€fte des Verstehens sein, die wir gegenĂŒber dem anderen Menschen und der Natur aufbringen. Handeln, das auf Achtsamkeit basiert, ist notwendiger denn je. Ein risikostratifizierter angemessener Umgang mit der Pandemie ist nur durch verstehende HerzenskrĂ€fte möglich.

EK: Was denken Sie ĂŒber die Hygiene- und PrĂ€ventionsmaßnahmen an Schulen?

HM: Die Politik behandelt SchĂŒler und Alte gleichermaßen im Katastrophenmodus, was völlig unangemessen ist, da das Covid-19 Erkrankungsrisiko bei Kindern von annĂ€hernd Null einem Sterberisiko bei polymorbiden Ă€lteren Menschen von 8% gegenĂŒbersteht. Dies fĂŒhrt derzeit schon zu Fehlversorgungen, so dass die Covid-19 Tests vor allem bei Lehrern anstatt bei Altenpflegern vorgenommen werden. Bei einer Region als Risikogebiet mit 50 Infizierten auf 100.000 kann nur jeder zweitausendste Abstrich positiv sein. Dies verhindert eine risikostratifizierte Diagnostik in der Bevölkerung und damit wirkliche Risikoreduktion fĂŒr die gefĂ€hrdeten Personenkreise. Strategieloses Testen blockiert TestkapazitĂ€ten und verhindert damit ein differenziertes und anhand von Risikofaktoren bestimmtes Vorgehen. FlĂ€chendesinfektion in Schulen erinnert an die SĂŒnden der 1980er Jahre in KrankenhĂ€usern, die hochresistente Keime herangezĂŒchtet hat, da die ortsstĂ€ndige Mikroflora zerstört wurde. Von einer wissenschaftlich fundierten und sozial angemessenen wie abgewogenen Risikostratifizierung besonders fĂŒr Schulen ist die Politik derzeit in Deutschland weit entfernt. AutoritĂ€res Notstandsverordnen geht vor AufklĂ€rung, Transparenz und vor allem persönlicher VerantwortungsĂŒbernahme mit Beachtung der jeweiligen Risikofaktoren und deren angemessener Reduktion. Völlig fehlt der Gedanke fĂŒr salutogenetische und resilienzsteigernde Maßnahmen. Bedarf es eher einer körperlichen als einer sozialen Distanzierung, so sollte in den Schulen gerade auch durch den Digitalisierungsschub ein seelisch nĂ€hrendes und warmes soziales Herzensklima als aktive Antwort gegeben werden.